Kunsthandwerk: Erlaubt ist, was gefällt

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In der Koblenzer Galerie zeigt sich die ganze Palette von Bauhaus-Nüchternheit bis zur Spielerei – Augenfutter satt für Design-Liebhaber

Freunde des Kunsthandwerks kommen in der Galerie Handwerk auf ihre Kosten: Zwei Ausstellungen zeigen die große Kreativität der Künstler.

KOBLENZ. Gleich zwei Wanderausstellungen von Berufsverbänden der Kunsthandwerker, demjenigen auf Bundes- und dem auf Landesebene, lud sich die Handwerkskammer Koblenz in ihre Galerie Handwerk ein: die eine, die des Berufsverbandes, zu dessen struktureller Neuorientierung, die andere, die des Landesverbandes Rheinland-Pfalz, zu dessen 40. Geburtstag. Augenfutter satt also für Design-Liebhaber, selbst wenn vom Aufbruch, den der Titel der Bundes-BK-Ausstellung „Angewandte Kunst im Aufbruch“ signalisiert, nicht so wirklich die Rede sein kann.

Was Designer, Gestalter, Kunsthandwerker, Künstler (sie alle können Mitglieder sein und sind es auch) präsentieren, aus Keramik, Holz, Metall, Papier oder textilen Materialien, entbehrt wirklicher Aufbruchstimmung oder Originalität, bestätigt eher das von anderen Gelegenheiten her Bekannte, dass nämlich erlaubt ist und gemacht wird, was gefällt. Stilistisch ist die Palette demzufolge groß, reicht hier wie dort, auf Bundes- und Landesebene – einige sind ohnehin mit Objekten in beiden Bereichen vertreten -, von Bauhaus-Nüchternheit bis zur Spielerei, von edler Zeitlosigkeit bis zur flippigen Übertreibung, die man (oder frau) allerdings schnell satt sein dürfte.

Gerade letztere, frau nämlich, findet reichlich Stoff, geliefert besonders von Goldschmieden und Schmuckgestaltern. Von Funktion weniger stark eingeschränkt als beispielsweise Möbeltischler oder Gebrauchskeramiker, können sie nahezu grenzenlos mit Formen, Farben und Materialien spielen. Was schmückt, muss nicht unbedingt immer das Edelste und Teuerste sein. Ein putziges Püppchen mit Porzellankopf lässt sich ebenso als Brosche tragen wie die schwarz-goldene „Trockenlandschaft“ der griechischen Metallgestalterin Artemis Zafrana, das „geflickte“ Quadrat der Goldschmiedemeisterin Elke Wolff oder die vom Wechsel von Licht und Schatten lebenden Anstecknadeln der Erfurter Schmuckgestalterin Beatrix Schmah. Wem das zu streng ist, der kann sich zu den im Fantasy-Trend liegenden Baum- und Kronenringen Jennifer Sauers aus Stipshausen flüchten oder sich das aus gespinstfeinen Metallfäden gestrickte Kragencollier Alixa Ikebatas leisten. Es sei denn, frau zieht den Schmuck gar nicht an, sondern erhebt ihn auf den grazilen Stühlchen der Pforzheimerin Etla Breyer-König zum Objekt.

Objektcharakter darf aber auch durchaus Nützliches beanspruchen, ob als Schränkchen – das kleine plüschige, löwentatzige Exemplar von Frank Gabriel aus Mainz, das vielleicht abgedrehteste Exponat überhaupt, und die in Rakutechnik gebrannten tönernen Schreine von Rainer Aepfelbach: als Handtasche – edel aus Rosshaar gewebt und am Metallbügel aufgehängt wie das Exemplar von Wolfgang Olbrisch -, als Servicechen für Zucker und Schokolädchen, wie die goldglänzenden Porzellanwinzigkeiten der Miltenberger Keramikerin Doris Bank, oder als Leuchte, wie die perforierten Porzellanskulpturen Martin Brauns. Von den allein von edlen Hölzern, teils kombiniert mit Aluminium, lebenden, formal aufs Minimum reduzierten Tischen und Hockern der Westerwälder Werkstatt der Sommers ganz abgesehen.

Bleiben die Produkte, die wirklich in erster Linie schön und/oder dekorativ sein wollen und sollen, die zum Bildhauerischen tendierenden Schöpfungen der Keramiker, Glas- und Metallgestalter, die extrem langhalsigen Flaschenvasen von Dorothee Wenz, die kontrastiv dazu extrem flachen, geometrischen Vasen des Metallgestalters Ruprecht Holsten, die filigranen, aufgebrochenen, teilweise mit kalligrafischen Elementen gestalteten Porzellankreationen von Altmeisterin Mary White, die in Kiln Casting-Technik in Form gegossenen, im Glasblock eingeschlossenen Embryonen der Anne Hein, die mit Rosthaut überzogenen, seltsam funktional anmutenden und doch „unnützen“ Eisenkreationen von Hansjörg Beck.

Lieselotte Sauer-Kaulbach

Quelle: Westerwälder Zeitung vom Dienstag, 29. September 2009, Seite 24

Infos unter:
Galerie Handwerk der Handwerkskammer Koblenz

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